Kirche unterm Hakenkreuz

Kirchliches Leben in Resse unterm Hakenkreuz – Nachrichten und Erinnerungen

geschrieben, und zur Verfügung gestellt, vom Resser Heimatforscher Carl Heinrich Lueg. Dieser Artikel wurde 2003, in der Festschrift der Herz Jesu Kirche: Herz Jesu 1903 – 2003  in Gemeinde Wandel, veröffentlicht.

Schon verhäiltnismäßig früh – nämlich 1923 – wurde in Resse eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet. Es war die erste Ortsgruppe, die im Stadtgebiet Gelsenkirchen entstanden ist. lhr lnitiator hieß Peter Stangier, wohnhaft auf der Middelicher Straße, der später in der NS-Hierarchie Karriere machte. Er war zeitweilig Reichstagsabgeordneter der NSDAP und stieg schließlich zum Stellvertreter des Gauleiters von Westfalen Alfred Meyer auf.
Die schwierige Wirtschaftslage und die große Arbeitslosigkeit begünstigten jene rechts- und linksradikalen Parteien, die mit großen Versprechungen und einfachen Rezepten Wählerstimmen zu gewinnen versuchten. Das bestätigen die Ergebnisse bei den Reichstagswahlen 1924, 1928 und 1930.
Bei der Wahl am 4. Mai 1924 z.B. errangen in Resse die KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) 36,9 % und die rechtsgerichteten Parteien DVP (Deutsche Volkspartei) und DNVP (Deutsch Nationale Volkspartei) 13,7 % der Stimmen. Zentrum (18,5%) und Sozialdemokraten (10%) kamen demgegeüber zusammen nur auf 28,5 % der Stimmen.
Die Tendez der Resser extrem links oder rechts zu wählen, setze sich in den folgenden Jahren der Weimarer Republik fort:
1928: KPD. 32 5% / Zentrum: 15.1% / SPD:18,6 % / DVP: 7,9% / DNVP 6,7 % / NSDAP: 1,5 %
1930:KPD 27,2 % / Zentrum 15,5 % / SPD 19,4 % / DVP 7,5 % / DNVP: 5,7%  / NSDAP: 13,7%

Ein zentrales Ziel der NS-Politik war die in vielen Verlautbarungen und einigen Gesetzen sich bekundende Gleichschaltung. Hinter diesem Wort verbarg sich weit mehr, als man auf den ersten Blick vermutete: Gleichschaltung bedeutete z.B. Abschaffung des staatlichen Föderalismus – der Kleinstaaterei, wie die Nazis abschätzig sagten – zugunsten jenes Zentralismus, der in der Parole Ein Volk, ein Reich ein Führer viel bejubelten Ausdruck fand.
Gleichschaltung hieß aber auch Verbot der Parteien, Auflösung politisch oder weltanschaulich orientierter Vereine, lndoktrination des gesamten Bildungssystems von der Volksschule bis zur Universität, Aufhebung der konfessionellen Schulen sowie der freien Schulen in kirchlicher Trägerschaft,  Zensur aller Medien und Publikationen.

Knapp ein Jahr nach der Machtergreifung hatte der von der NSDAP gelenkte Staat seine Kontrollfunktion ausgebaut. Der katholische Gesellenverein Resse muss sich von der örtlichen Parteileitung die Genehmigung, einer Theateraufführung, erteilen lassen.

Von diesen Maßnahmen waren auch die Kirchen unmittelbar betroffen, und das bekam man in Resse sehr bald zu spüren. Bereits 1936 verfügte der Regierungsprasident Münster die AufIösung des dortigen Katholischen Knappen- und Arbeitervereins sowie die Konfiszierung des Vereinsvermogens.
Kurz vorher hatte die NSDAP die Anordnung durchgesetzt, dass die Vereine ihre Fahnen bei Prozessionen und anderen öffentlichen Veranstaltungen nur ausführen durften, wenn ein Wimpel mit dem Hakenkreuz dabei war.
Auch die Resser Kolpingfamilie war betroffen, sie musste, solange sie noch existierte, jede Veranstaltung unter Angabe ihres Ziels, ihres Themas und der zu ervvartenden Teilnehmerzahl  der ortlichen Parteileitung melden und von dieser genehmigen lassen. Es war damit zu rechnen, das es unter den Teilnehmern den einen oder anderen Spitzel gab, der eingeschleust war, um zu kontrollieren, ob die Auflagen der Partei
Beachtung fanden.
Unter dem Druck solcher Observationen suchte man nach verschlüsselten Ausdrucksformen seiner oppositionellen Gesinnung. In der Resser Kolpingfamilie war es das Lied. Wenn alle untreu werden. Dies Lied sei, wie Zeitzeugen berichten, besonders oft und besonders gern gesungen worden, denn in den Text des Liedes habe man hineinchiffrieren konnen, was man offen nicht mehr aussprechen durfte! Das man ein Mittun in der NS-Bewegung  als Untreue gegenüber der Kirche empfand.
Es hatte mit dem Lied allerdings noch eine andere Bewandtnis. Nach seiner Melodie sang die SS ihr Treuelied. Beim ersten Bekenntnistag der Katholischen Jugend im Bisturn Munster, am Dreifaltigkeitssonntag des Jahres 1936, hatten Jugendliche das Lied spontan angestimmt, ihm aber, um das SS-Treuelied zu konterkarieren, den ursprüngilchen Text unterlegt. Dies empfanden die Nazis als eine Provokation, und die Gestapo (Geheime Staatspolizei) drohte allen Ernstes mit geeigneten Maßnahmen, falls seitens der konfessionelIen Jugend Lieder nach der Melodie  des SS-Treueliedes oder anderer Lieder der Bewegung gesungen werden.
Demnach war das Singen des Liedes inzwischen zu einem Zeichen offener Auflehnung gegen das NS-Regime gewoden.
Gemäß der Parole, die Jugend gehört dem Führer waren kirchliche Jugendvereine verboten. Pfarrer Kitten bekam 1938 eine Vorladung von der Gestapo, wurde verhört und verwarnt, weil man durch Spitzel herausbekommen hatte, dass bei einem Ausflug des Kirchenchores einige Messdiener als geschlossene Gruppe teilgenommen hatten. Dies wertete man bereits als einen Verstoß gegen das Vereinsverbot für Jugendliche außerhalb der NS-Organisationen der HJ und des BDM.
Kaplan Ostermann der damals die Messdiener betreute, entschloss sich darauf hin dazu, Zusammenkünfte einer größeren Zahl von Messdienern, etvva zur Weihnachtsfeier, in der Sakristei der alten Herz-Jesu-Kirche stattfinden zu lassen.
Es gab allerdings auch Jugendliche, die sich heimlich oder getarnt zusammenfanden und sich als Gruppen eines inneren Widerstandes gegen das NS-Regime und dessen Zwangsorganisationen verstanden. So hatte z.B. Bernhard Petersmann,  damals noch Schüler des Schalker Gymnasiums, mehrere Resser Jungen um sich geschart, die sich den neoromantischen – heute vielleicht etvvas komisch klingenden – Namen Herz-Jesu-Ritter°’zugelegt hatten. Nach außen hin engagierten sich die  Jugendlichen in der Missionsarbeit, was – solange es nicht in einer organisierten Gruppe geschah – von den Nazis geduldet wurde.
Großen Halt fanden die Gegner des Nationalsozialismus im Auftreten unseres damaligen Bischofs Clemens August Graf von Galen. Am 22.März 1936 hielt der Bischof in der Urbanuskirche zu Buer eine seiner ersten Protest-Predigten, zu der sich auch viele Gäubige aus Resse eingefunden hatten. Anlass war die Verhaftung des Generalpräses des Katholischen Jungmännervereins Ludwig Wolker sowie etlicher seiner Mitarbeiter. – Ein Jahr später – im Sommer 1941 erhob Graf v. Galen in drei aufeinander folgenden Predigten seine Stimme gegen die von den Nazis geforderte und an Geisteskranken auch durchgeführte Euthanasie unproduktiver Menschen und lebensunwerten Lebens.

Als ich 1939 aus den Sommerferien zurückkehrte, hatte sich auch in der Schule vieles verändert. Die bis dahin konfessionellen Schulen waren in Gemeinschaftsschulen umgewandelt worden. Die Lehrerkollegien wurden völlig neu gemischt; denn sie sollten konfessionell möglichst heterogen sein. Dementsprechend bekamen auch die Einzugsgebiete der Resser Schulen einen neuen Zuschnitt. Die Kreuze waren aus dem Klassenzimmern entfernt und durch Bilder des Führers ersetzt worden. Auch das bisher übliche Morgengebet entfiel.

Fortsetzung folgt……

Propagandamarsch zum 10 jährigen Bestehen der Ortsgruppe Resse 1933 // FS I 07738 ISG © Stadt Gelsenkirchen
Propagandamarsch zum 10 jährigen Bestehen der Ortsgruppe Resse 1933 // FS I 07739 ISG © Stadt Gelsenkirchen